Ist Deutschlands Gruppenspielplan bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 nicht herausfordernd genug, um die Mannschaft auf die K.-o.-Runde vorzubereiten?
Bei der WM 2026 erwartet Deutschland eine Gruppe, die – auf dem Papier – weniger anspruchsvoll erscheint als die vieler anderer Turnier-Favoriten. Bei einer historisch dominierenden Fußballnation wie Deutschland ergibt sich hierdurch eine interessante strategische Frage: Könnte sich eine „einfache“ Gruppe als Nachteil erweisen? Oder genauer gesagt: Ist Deutschlands Gruppenspielplan bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 nicht herausfordernd genug, um die Mannschaft auf die K.-o.-Runde vorzubereiten?
Bei großen Turnieren ist diese Debatte nicht neu; sie zieht sich durch die WM-Geschichte. Doch Deutschlands Situation 2026 eignet sich für eine besonders interessante Fallstudie.
Die Vorteile einer einfachen Gruppe: Selbstvertrauen, Spielzeit und Momentum
Eine Gruppe mit weniger Konkurrenz bringt eindeutige Vorteile mit sich.
1. Früher Aufbau von Selbstvertrauen
Deutschland blieb 2018 und 2022 hinter den Erwartungen zurück und schied beide Male in der Gruppenphase aus. Eine leichtere Gruppe verspricht 2026 die Möglichkeiten:
· in den Rhythmus zu kommen
· Selbstvertrauen durch das Erzielen von Toren zu erlangen
· den medialen Druck zu reduzieren, der schnell entsteht, wenn die ersten Ergebnisse enttäuschen
Ein selbstbewusstes Deutschland ist in der Regel auch ein gefährliches Deutschland.
2. Strategische Planung von Spielzeit
Gegen weniger eindrucksvolle Gegner kann Julian Nagelsmann:
· die Mannschaft rotieren lassen
· ältere Spieler erst einmal schonen
· taktische Varianten ohne große Risiken ausprobieren
Andere Konkurrenten müssen eventuell dreimal hintereinander mit ihrer stärksten Elf auflaufen und sind zu Beginn der Finalrunden dann bereits erschöpft.
3. Vermeidung von frühem Chaos
Eine ausgewogene Gruppe oder gar eine „Todesgruppe“ könnte für Schwächung sorgen – etwa durch rote Karten, knappe Niederlagen, emotionalen Druck oder Verletzungen. Deutschland kennt solche Turbulenzen von früheren Turnieren. Eine stabilere Gruppenphase, auch wenn sie keine große Herausforderung darstellt, sorgt für einen glatteren Start.
Doch auch die Nachteile zählen: Keine Abhärtung durch Druck
Eine bequeme Gruppe birgt echte Gefahren – insbesondere für ein Team, das darum bemüht ist, seine K.-o.-Runden-Identität wiederaufzubauen.
1. Kein echter Test der Abwehrstärke
Bei jüngsten Turnieren waren Abwehrfehler der Grund für das Ausscheiden – nicht der Mangel an Angriffstalent. Falls die Gruppengegner für Deutschland keine echte Bedrohung darstellen, könnte es in die K.-o.-Runde einziehen, ohne:
· echtem Druck ausgesetzt gewesen zu sein
· zu echter Verteidigung gezwungen worden zu sein
· mit Stürmern konfrontiert worden zu sein, die Fehler bestrafen
Unter Druck stehen könnte Deutschland dann also erstmals in einem K.-o.-Spiel.
2. Falsches Selbstvertrauen kann sich schlechter auswirken als mangelndes Selbstvertrauen
Wenn man in der Gruppenphase zahlreiche Tore schießt, kann die Illusion entstehen, man sei taktisch bereits in Topform. K.-o.-Spiele sind jedoch zäher, knapper und körperlich anstrengender.
Mannschaften, die in schwachen Gruppen dominieren, haben oftmals mit dem plötzlichen Wechsel der Spieldynamik zu kämpfen – Spanien 2014, Belgien 2022 und sogar Deutschland (in der Qualifikationsphase oft überlegen) sind Beispiele für dieses Phänomen.
3. Taktische Starrheit
Wenn Deutschland seine Gruppenspiele mühelos gewinnt, muss Nagelsmann möglicherweise nicht mit folgenden Strategien experimentieren:
· eine defensivere Spielweise
· Umstellungen unter Druck
· Verschiebungen im Mittelfeld
· späte Einwechslungen, wenn es am Ende eng wird
Bei K.-o.-Spielen sind solche Anpassungen immer nötig.
Historische Muster: Auf leichte Gruppen folgen selten Durchmärsche
Wenn man die letzten fünf Weltmeisterschaften betrachtet, lässt sich ein Muster erkennen:
· Teams mit zu leichten Gruppen bleiben später oftmals hinter den Erwartungen zurück.
· Teams, die mindestens ein schwieriges Spiel überstehen, sind in der K.-o.-Runde in der Regel kampfbereiter.
Beispiele:
· Frankreich profitierte 2018 von einem harten Spiel gegen Dänemark.
· Argentinien wurde 2022 durch den Schock während des Spiels gegen Saudi-Arabien stärker.
· Kroatien blühte 2018 und 2022 regelrecht auf, nachdem es in der Vorrunde knallharte Spiele überstanden hatte.
Anpassungen unter Druck führen zu einem Wettbewerbsvorteil.
Ist Deutschlands Gruppe 2026 also zu einfach?
Es kommt auf die Einstellung der deutschen Mannschaft an.
Wenn die Vorrunde lediglich als Aufwärmphase betrachtet wird, kann es gefährlich werden. Stattdessen sollte jeder Gegner als potenzieller WM-Sieger betrachtet und mit größtmöglichem Respekt behandelt werden. Bei den beiden letzten Weltmeisterschaften hat Deutschland die unerwartete Gewohnheit entwickelt, gegen Teams zu verlieren, die aufgrund ihrer Position in der Weltrangliste vermeintlich unterlegen erschienen. Deutschlands WM-Reputation hat dadurch erheblich Schaden genommen. Das Eröffnungsspiel gegen Curacao ist für Deutschland also brandgefährlich – denn bei einem
Spiel gegen eine Mannschaft fast ohne internationale Fußballvergangenheit weiß man einfach nicht, was einen erwartet. Wenn man zudem Faktoren wie aggressives Verteidigen, Kampfgeist und Durchhaltevermögen mit in die Waagschale wirft, könnte Curacao den Deutschen das Leben schwermachen. Noch größere Probleme könnten durch Teams aus Afrika oder Südamerika entstehen, die bereits über WM-Erfahrung verfügen und traditionell sehr körperbetont spielen.
Also nein, diese Gruppe wird für Deutschland keinesfalls leicht, sie ist aber auch keine Todesgruppe. Sie benötigt eine intensive Vorbereitung mit Testspielen, bei denen taktische Strategien ausprobiert werden. Idealerweise sollte Deutschland die Vorrunde als Gruppenerster beenden, damit frühe Spiele gegen Gegner vermieden werden, die in der Rangliste sogar noch höher stehen als Deutschland.
Mit guter Vorbereitung und allen wichtigen Spielern in Topform könnte Deutschland die Gruppenphase problemlos hinter sich bringen. Deren Schicksal in den K.-o.-Spielen hängt dann allerdings davon ab, ob Bundestrainer Julian Nagelsmann diese Problemlosigkeit
· als Kissen oder
· als Experimentierlabor nutzt.
Ist Letzteres der Fall, dann könnte Deutschland ausgeruht, aber hochkonzentriert in die K.-o.-Phase einziehen – eine ideale Kombination für einen Durchmarsch, den Deutschland in der Vergangenheit ja schon bei vielen WM-Turnieren hingelegt hat.









